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Moderne Musik - Projekte

Musiktheater - Stückbeschreibungen

kokooning

Der Rückzug ins Private, die Geborgenheit geborgter Überlieferung:
Wir bauen der Vergangenheit ein Zuhause.
Vertraute Systeme, in Deckung des Museums - Windschatten.

Doch dann die Entdeckung; die Auslieferung des Bloßen.
Das Ausgeliefertsein in eine Ahnung, ins unvertraut Unbehauste - im offenen Zug.

Entdeckung eben.

(Thomas Witzmann, Juni 05)

Vinko Globokars dos a dos ist ein szenisches Werk für zwei Instrumentalisten. Während des Spiels der schlichten, minimalistischen Motivik des Werkes müssen sich die Interpreten an eine strenge Choreographie halten. Dadurch erhält das Werk eine dritte Dimension, die genauso viel Gewicht hat, wie die Musik selbst. Musik und Darstellung beleuchten die Licht- und Schattenseiten von menschlichen Beziehungen. Die Chancen, aber auch die Hürden und Fallstricke zwischenmenschlicher Kommunikation werden plastisch aufgezeigt.

Auch bei Stockhausens In Freundschaft geht es um Kommunikation, dargestellt hier in einem Solostück. Genaues Zuhören wird herausgefordert. Bewegungen des Interpreten dienen als Hörhilfe. Am Anfang steht die Formel, aus der das ganze Stück komponiert ist. Sie hat fünf Glieder, durch Pausen getrennt. Am ihrem Ende entsteht durch allmähliche Beschleunigung ein Triller in der Mittellage. Dann setzt die Formel dreischichtig ein: Die schon bekannten Motive, hoch, leise und ruhig gespielt, alternieren mit einer tiefen, starken und schnellen Schicht. Segmente des Trillers trennen als Mittelschicht die gegensätzlichen Seiten. Die beiden Extreme bewegen sich chromatisch aufeinander zu, tauschen Glieder aus und vereinigen sich am Ende zu einer kontinuierlichen Melodie in gleicher Lage. Dieser Prozess wird zweimal von enthusiastischen Kadenzen unterbrochen. Klare Unterscheidung, Beziehung zu einer gemeinsamen konstanten Mitte, Austausch, Annäherung, Bewegung: In Freundschaft.

Als außermusikalische Komponente hat Jacques Bank für sein Werk The Memoires Of A Cyclist das Vortragen von Texten gewählt. Während ihres musikalischen Vortrags rezitieren die beiden Blockflötisten je einen lyrischen Text und den sachlichen Bericht einer Nachrichtensprecherin. Dadurch bekommen beide Interpreten die jeweilige Rolle zugewiesen: auf der einen Seite die nüchterne Verkündigung teils belangloser, teils erschreckender Nachrichten, auf der anderen Seite die poetische Beschreibung des Seelenzustands nach einem erlebten Unglück.

Maurizio Kagels Atem für ein Blasinstrument stellt vehement die Sinnfrage: was ist es, was den Musiker am Atmen hält? Vordergründig stellt der Interpret einen alternden Musiker dar, der sich ein letztes Mal auf die Bühne schleppt, während des Vortrags mit dem (Alltags-)Leben kämpft und am Ende stirbt. Unterstützt wird das Ganze von Geräuschen, die die Pflege und die Wartung des Instruments darstellen.
Was ist, wenn alles schon gespielt, wenn alles schon gesagt wurde? Was hält die Faszination des Musikers am Leben?